Die Rohrform allein weist weder Grade 2 noch Grade 12 nach; für die Substitution zählen Chemie, Einsatzbedingungen und Auslegung.
Titanrohre Grade 12 können eine gute Option sein, wenn ein Prozesssystem gegenüber Reintitan Grade 2 eine bessere Leistung in heißen Salzlösungen oder reduzierenden Medien benötigt. Ein direkter Ersatz sind sie nicht. Grade 12 ist eine eigenständige Ti-0,8Ni-0,3Mo-Legierung mit höheren Mindestfestigkeiten. Eine Substitution kann daher gleichzeitig Korrosionsannahmen, zulässige Wanddicken, Biegeverhalten und die Rohr-Rohrboden-Verbindung verändern. Eine Freigabe ist erst sinnvoll, wenn reale Medienchemie, maßgebende Spezifikation und Auslegungsgrundlage gemeinsam neu geprüft wurden.
Entscheidend ist zuerst der Legierungswechsel, nicht die höhere Nummer
Alleima bezeichnet Grade 12 als ASTM Grade 12 / UNS R53400 und nennt 0,2–0,4 % Molybdän sowie 0,6–0,9 % Nickel. Auf der aktuellen Rohrseite für Grade 2 ist kein absichtlich zugesetzter Molybdän- oder Nickelbereich angegeben. Grade 12 ist deshalb ein anderes Legierungssystem – nicht einfach „Grade 2 mit höherer Nummer“ und auch nicht Grade 2H.
Die Rohrseiten desselben Herstellers zeigen zudem unterschiedliche Mindestwerte. Für Grade 12 werden mindestens 483 MPa Zugfestigkeit, 345 MPa Streckgrenze und 18 % Bruchdehnung angegeben; für Grade 2 sind es 345 MPa, 275 MPa und 20 %. Diese Werte erklären, warum Grade 12 in Betracht kommt, belegen aber weder eine zulässige dünnere Wand noch die Eignung derselben Geometrie. Maßgebend bleiben die aktuelle Produktnorm, der Auslegungscode sowie Druck- und Lastfall.
Grade 12 ist nur in einem definierten Einsatzfenster sinnvoll

Wärmetauscherrohre sind eine Systementscheidung: Legierung, Prozessmedium, Geometrie, Umformung und Verbindungen müssen gemeinsam bewertet werden.
Alleima beschreibt Grade 12 für Rohrbündelwärmetauscher und die chemische Industrie sowie für reduzierende und oxidierende Medien. Das historische Grade-12-Datenblatt von TIMET ergänzt einen engeren Vergleich: bessere Beständigkeit als unlegiertes Titan, insbesondere gegen Spaltkorrosion in heißen Salzlösungen, sowie Vergleichsdaten für Säuren und gesättigte Natriumchloridlösung.
Diese Belege begründen eine Prüfungsfrage, keine allgemeingültige Antwort: Ähnelt der reale Betrieb den untersuchten Chemikalien und Spaltbedingungen ausreichend, um eine anwendungsspezifische Bewertung zu rechtfertigen? Benötigt werden Medium, Konzentration, Verunreinigungen, Temperaturbereich, Sauerstoffzustand, Spaltgeometrie, Strömung, Reinigungschemie und Störfall. Die pauschale Angabe „heißer Chloriddienst“ reicht nicht aus, um ein historisches Diagramm in eine Abnahmegrenze umzudeuten.
Auch der Vergleich mit Grade 2 bleibt wichtig. Grade 2 ist bereits in vielen chloridhaltigen Medien sehr beständig. Grade 12 sollte daher nicht allein deshalb gewählt werden, weil es „korrosionsbeständiger“ klingt. Relevant wird die Mo-Ni-Legierung, wenn das Einsatzfenster von Grade 2 tatsächlich an seine Grenzen kommt und für den konkreten Angriff passende Belege vorliegen.
Höhere Mindestfestigkeit bedeutet nicht automatisch weniger Wanddicke
Das historische TIMET-Blatt und die aktuelle Alleima-Seite nennen für Grade 12 übereinstimmend mindestens 483 MPa Zugfestigkeit, 345 MPa Streckgrenze und 18 % Dehnung. Diese Übereinstimmung ist nützlich, aber kein konstruktiver Freibrief.
Eine Wanddickenreduzierung verändert Spannungen aus Innendruck, Beulsicherheit, Schwingungsverhalten, Erosionszuschlag, Empfindlichkeit gegen Handhabungsschäden, Schweiß- oder Aufweitgeometrie und die Prüfbarkeit. Außerdem kann sie die lieferbare Produktgröße verändern. Ein Vorschlag für dünnere Wände benötigt deshalb eine Berechnung nach dem anwendbaren Regelwerk und die Auslegungsgrundlage des Apparats; aus der Zugfestigkeit allein lässt er sich nicht ableiten.
Die Fertigung braucht eine eigene Qualifikation
Alleima schreibt, dass Rohre aus Grade 12 mit Standardwerkzeugen gebogen werden können, empfiehlt für dünne Wände oder enge Radien jedoch einen geschmierten Dorn und nennt eine Rückfederung von etwa dem Doppelten nichtrostender Stähle. Für das Einwalzen in einen Rohrboden werden 10 % Wanddickenreduzierung als Richtwert für die Ausziehfestigkeit vorgeschlagen.
Die Grade-2-Seite von Alleima enthält dieselben allgemeinen Hinweise zum Umformen und Einwalzen. Damit lässt sich kein quantitativer Fertigungsunterschied zwischen Grade 12 und Grade 2 belegen. Die Angaben zeigen lediglich, warum Verfahren und Abnahmenachweis vor einer Übertragung geprüft werden müssen.
Es handelt sich um Ausgangswerte des Herstellers, nicht um universelle Projekteinstellungen. Ersetzt Grade 12 den Grade 2, darf der Lieferant ein altes Biegeprogramm, einen alten Aufweitwert oder einen früheren Erstmusterbericht nicht stillschweigend übernehmen. Außendurchmesser, Wanddicke, Zustand, fertige Biegegeometrie, Rohrbodenwerkstoff, Bohrungsvorbereitung, Aufweitverfahren und Abnahmenachweis müssen auf das tatsächliche Grade-12-Bauteil rückführbar bleiben.
Drei miteinander verknüpfte Fragen gehören in den Substitutionsnachweis
| Entscheidung | Benötigter Nachweis | Unzulässige Annahme |
|---|---|---|
| Passt Grade 12 zur Medienchemie? | Medium, Konzentration, Temperatur, Verunreinigungen, Spalt- und Störbedingungen sowie relevante Korrosionsdaten | Die allgemeine Bezeichnung „heiße Salzlösung“ belegt die Eignung |
| Darf die Auslegung die höhere Festigkeit nutzen? | Maßgebende Produktnorm, Regelwerksberechnung, Lasten, Druck, Geometrie und Prüfgrundlage | Eine höhere Mindeststreckgrenze erlaubt automatisch eine dünnere Wand |
| Lässt sich der freigegebene Fertigungsweg übertragen? | Grade-12-spezifisches Biege- oder Aufweitverfahren, Erstmustermaße und Oberflächen-/Geometrieabnahme | Standardwerkzeug bedeutet, dass Einstellungen und Nachweise von Grade 2 gültig bleiben |
Die praktische Wahl ist bedingt. Grade 12 sollte gewählt werden, wenn sein legiertes Korrosionsverhalten und seine Festigkeit für ein definiertes Betriebs- und Auslegungsproblem relevant sind. Danach müssen Produktform und Fertigungsweg qualifiziert werden. Werden diese Unterschiede im Betrieb nicht benötigt, kann Grade 2 die einfachere Grundlage bleiben. Werden sie benötigt, ist Grade 12 als technische Änderung zu dokumentieren – nicht als bloßes Einkaufssynonym.
Quellen
- Alleima Ti Grade 12 — nahtlose Rohre — aktuelles Herstellerdatenblatt, aktualisiert am 9. Mai 2025; abgerufen am 16. Oktober 2026.
- Alleima Ti Grade 2 — nahtlose Rohre — aktuelle Vergleichsseite des Herstellers, aktualisiert am 9. Mai 2025; abgerufen am 16. Oktober 2026.
- TIMETAL Grade 12 — historisches technisches Herstellerdatenblatt, nur für abgegrenzten Vergleichskontext; abgerufen am 16. Oktober 2026.